Ehrlich währt am längsten… Oder?

Manchmal ist das so eine Sache mit der Wahrheit. Sie kann wehtun, unangenehm sein oder auch –je nach Situation- einfach unangebracht. „Papi, Papi! Guck mal! Die im Fernsehen machen genau das gleiche wie Mama mit Onkel Klaus!“ – kennt ihr die Werbung? Was bei unzähligen Zuschauern für Lacher gesorgt hat, ist doch gleichzeitig eine Reflektion zum Thema Wahrheit. Wie ehrlich ist unsere Gesellschaft? Wollen wir die Wahrheit wirklich hören? Wie sehr wird Ehrlichkeit an uns geschätzt?

Vor einigen Tagen zog ich mit einer Freundin um die Häuser und wir trafen einen jungen Mann, der uns um eine Zigarette bat. Wir plauderten ein wenig, rauchten und er verabschiedete sich wieder. Einige Stunden später trafen wir denselben Mann mit seiner Freundin wieder. Er tat so, als hätte er uns noch nie gesehen und leugnete sogar auf unser Nachfragen hin, uns zu kennen. Warum tut man so etwas? Hatte das wirklich Sinn?

Der Wandel der Gesellschaft

Es war einmal eine Welt, in der Ehrlichkeit als eine erstrebenswerte Tugend galt. Man vertraute auf das Wort des jeweils anderen und besiegelte Absprachen mit einem Handschlag. Heutzutage ist das anders. Menschen haben „gelernt“ sich gegenseitig zu misstrauen, nichts mehr auf Anhieb zu glauben (schließlich wissen wir alle wie viel Müll in den Medien verbreitet wird) und scheinen in ständiger Abwehrhaltung durchs Leben zu schreiten.

Und tatsächlich, in Zeiten von Dieselgate und Co. kommt mir immer wieder der Gedanke auf, ob unsere Gesellschaft mit dem Wandel der Zeit immer unehrlicher wird oder ob es schlichtweg an der Reichweite der Medien liegt, dass Betrugsfälle und Skandale immer häufiger an die Öffentlichkeit gelangen. Ich denke, dass beide Punkte zutreffen und das beides eng miteinander verstrickt sein dürfte. Wie? Ein wenig vereinfacht ausgedrückt: Menschen lügen und betrügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Betrugsfälle werden aufgedeckt und die Geschichten werden verbreitet. Und wir? Wir werden von Fall zu Fall abgestumpfter und empfinden kleinere Unwahrheiten als normal. Diese Kettenreaktion verändert Stück für Stück unsere Gesellschaft. Schauen wir uns beispielsweise Länder an, die für ihre politischen Korruptionsfälle bekannt sind, lassen sich meist Parallelen in der Bevölkerung feststellen.  „Was DER darf, darf ich schließlich auch!“

Aber was ist mit mir persönlich?

Würdest du dich selbst als ehrlich bezeichnen? Denkst du, du kannst du die Wahrheit vertragen?

Fragen, die sich mit Sicherheit nicht verallgemeinern lassen. Ich selbst würde mich grundsätzlich als ehrlichen Menschen bezeichnen. Sehr ehrlich sogar. Ich würde mich als diese Art Frau beschreiben, der du ganz genau im Gesicht ansehen kannst, was sie gerade empfindet. Wenn ich jemanden nicht leiden kann (was nur sehr selten vorkommt), dann merkt man das sehr schnell. Wenn ich anderer Meinung bin, sage ich das auch. Würde man meine diplomatischen Fähigkeiten bewerten, erhielte ich lediglich ein „sie war stets bemüht“. Das war’s.  Manchmal beiße ich mir selbst auf die Lippe und frage mich, ob ich in dieser Situation wirklich den Mund aufmachen und die andere Person derart vor den Kopf stoßen musste. Andererseits weiß ich auch, dass die Menschen die mich lieben, mich gerade auch für diese Aufrichtigkeit wertschätzen. Natürlich habe auch ich schon gelogen und Dinge getan, auf die ich alles andere als stolz bin. Aber eben hier liegt der springende Punkt. Ich schäme mich für diese Dinge und habe mir zumindest fest vorgenommen, sie nicht zu wiederholen. Und umgekehrt? Wie gut kann ich mit Ehrlichkeit umgehen und wie sehr weiß ich sie zu schätzen. Hier gibt es für mich kein Wenn und Aber und nur sehr wenig Grauzone. Auch wenn die Wahrheit im ersten Augenblick vielleicht unangenehm ist und wir lieber etwas anderes zu hören bekommen hätten, bin ich mir im Nachhinein immer bewusst, dass es wesentlich schlimmer gewesen wäre, angelogen zu werden.

Fangen wir bei uns selbst an

Die Wahrheit wird überschätzt und kleine Lügen tun niemandem weh? Meines Erachtens nach ist das nicht korrekt. Kleinere Lügen – auch wenn sie lediglich der Konfliktvermeidung dienen – führen ebenfalls zu Vertrauensverlust. Wenn ich mich nicht einmal darauf verlassen kann, dass mir mein Gegenüber bei einer Kleinigkeit, einem unwesentlichen Detail, die Wahrheit sagt, wie soll ich ihm dann glauben, wenn es um etwas Wichtiges geht? Statt Konflikten mit Hilfe von Lügen aus dem Weg zu gehen, sollten wir uns lieber überlegen, warum wir diesen Konflikt nun scheuen und ob wir insgeheim wissen, dass unser Verhalten nicht korrekt war.

Die Wahrheit ist und bleibt etwas Wertvolles, dass wir uns erhalten sollten und uns außerdem etwas kostbares zurückgibt: Unsere RUHE. Denn insgeheim wissen wir es: Ehrlichkeit währt am längsten…